Der lange Weg zur Diagnose-Unverträglichkeit

Nach einer traumhaften Schwangerschaft kam Ende Juli 2020 unsere wunderbare Tochter Emma Lou zur Welt. Ich hatte mir so gewünscht, dass ich sie stillen kann und zum Glück klappte dies recht schnell ganz gut. Doch nach einiger Zeit fingen die Probleme an. Um den zweiten Monat herum, weinte Emma immer an der Brust. Sie dockte an, saugte einige Male, dockte wieder ab, weinte und saugte wieder usw. So zog sich das über die gesamte Stillmahlzeit und ich fragte mich, was los sei. Denn anders als ich es von anderen Babys kannte, war mein Kind nach dem Stillen nie entspannt und zufrieden. Dabei hatte es die ersten Wochen doch so wunderbar funktioniert. Zunächst dachte ich, dass meine Milch nicht ausreicht. Doch Emma Lou nahm zu, wenn auch nie sehr viel. Immer wenn ich ihr nach dem Stillen noch ein Fläschchen mit abgepumpter Muttermilch oder Pre Milch anbot, lehnte sie diese ab. Also blieb ich nach Absprache mit meiner Hebamme weiterhin beim Stillen und schob das Weinen an der Brust auf die Koliken. Zumal Emma sich immer beruhigte, sobald ich sie ablegte und ihr den Bauch massierte.

Weitere Tage und Wochen vergingen und auf einmal veränderte sich Emma Lous Stuhlgang. Auf einmal war dieser total grün, flüssig und schleimig. Als nach einigen Tagen zusätzlich noch etwas Blut in der Windel war, sind wir sofort zum Kinderarzt gegangen. Dieser äußerte sofort den Verdacht, dass Emma möglicherweise Kuhmilchprotein nicht verträgt und schickte eine Stuhlprobe ins Labor. Tatsächlich war ihr Calprotectinwert[1] erhöht, bei 1800, was für eine Entzündung im Darm sprach. Eine weitere Untersuchung im Krankenhaus ergab aber keine weiteren Auffälligkeiten im Darm, sodass sich der Verdacht des Kinderarztes verhärtete. Um sicher zu sein, sollte ich die nächsten Wochen komplett auf Kuhmilch verzichten, wenn ich sie weiter stillen wollte. Und das wollte ich natürlich unbedingt. Nach weiteren sechs Wochen wurde der Entzündungswert kontrolliert und siehe da, er war tatsächlich deutlich gesunken, auf 350. Der Wert an sich sei, laut Kinderarzt, immer noch erhöht, aber schon auf dem Wege der Besserung. Allerdings hatte sich Emmas Stuhlgang nicht verändert und es war weiterhin Blut im Stuhl. Mein Mann und ich erklärten uns das Ganze so, dass ich vielleicht aus Versehen hin und wieder kleine Mengen an Kuhmilchprodukten zu mir genommen hatte, bspw. beim Bäcker über Backwaren. Eine 100%-ige Gewissheit hatten wir zwar nicht, es deuteten jedoch viele Faktoren in die Richtung, dass Emma hochsensibel auf das Kuhmilchprotein reagierte. Bei einer solchen Unverträglichkeit reichen auch Spuren, die dann über die Muttermilch übertragen werden. Auch die Überlegung, dass weitere Unverträglichkeiten (gegen Ei und/oder Soja) mit reinspielten, stand im Raum. So beschloss ich schweren Herzens nach Rücksprache mit dem Kinderarzt abzustillen und Emma Lou mit einer speziellen Nahrung zu füttern. Allein der Gedanke daran, brach mir das Herz. Als ich meiner Tochter das erste Mal die Flasche gab, musste ich echt weinen. Ich hatte das Gefühl, es ging so viel Intimität verloren. Auch das Wissen, dass es meiner eigenen Tochter nach dem Stillen schlecht geht, machte mich unendlich traurig. Als das erste Mal geschafft war, schwankte ich zwischen Gefühlen der Erleichterung, der Traurigkeit und der Bestätigung, das Richtige getan zu haben. Meine Gedanken vor jedem Stillen waren eine Mischung aus Verzweiflung, der Ungewissheit, ob Emma Lou heute doch trinken möchte und einer gehörigen Portion Unsicherheit gewesen, weil ich einfach nicht wusste, was das intuitiv Richtige für meine Tochter ist. Das Fläschchen geben an sich gestaltete sich zunächst nicht ganz so einfach, da Emma Lou die Nahrung überhaupt nicht schmeckte. Also mussten wir etwas tricksen: wir mischten etwas herkömmliche Pre Milch unter die spezielle Nahrung und reduzierten diese immer mehr, bis Emma Lou schließlich nach einigen, wenigen Tagen die Spezialnahrung komplett akzeptierte. Seitdem geht es ihr viel besser. Sie ist ein zufriedenes und ausgeglichenes Baby, hat keine Bauchschmerzen mehr und seitdem auch kein Blut mehr im Stuhl. Diese Tatsache, dass es Emma mit der Flaschennahrung besser geht als mit meiner Milch, hilft mir zu akzeptieren, dass Stillen für uns nicht der richtige Weg war. Und trotzdem bin ich wahnsinnig dankbar und froh, dass ich sie die ersten Monate stillen konnte. Der Prozess des Abstillens erfolgte auch nicht von heut auf morgen, sondern ich beschloss einen sanften Übergang zwischen der Brust und der Flasche zu gestalten. So wurde das Stillen mit jeder Mahlzeit weniger und das Fläschchen mehr. Gedanklich hatte ich mich wohl doch relativ früh vom Stillen verabschiedet, weil Emma meine Brust so früh ablehnte. So wuchs in mir sehr früh der Gedanke, dass das letzte Mal Stillen bald da sein könnte. Ich versuchte zwar jede Stillmahlzeit zu genießen, aber jedes Stillen war, wie gesagt, auch von vielen Zweifeln begleitet.

Wir sind unglaublich froh, dass unser Kinderarzt und der Arzt in der Kinderklinik so schnell reagiert und die richtige Diagnose gestellt haben. Denn so eine Unverträglichkeit ist, besonders bei Stillkindern, gar nicht so leicht zu diagnostizieren, da die Symptome sehr vielseitig sein können. Im Nachgang sind uns dann noch weitere Dinge aufgefallen die ebenfalls auf die Allergie zurückzuführen sind. Beispielsweise röchelt Emma Lou nachts im Schlaf nicht mehr und schläft dadurch viel ruhiger und auch ihr Ausschlag am Bauch hat sich gebessert - alles ebenfalls Auswirkung der Unverträglichkeit.

Laut Kinderarzt verwächst sich die Unverträglichkeit in den meisten Fällen innerhalb der ersten Lebensjahre. Darauf hoffen wir, damit Emma Lou später uneingeschränkt essen - und im Sommer auch ein leckeres Milcheis genießen kann.

Näheres über die Kuhmilchprotein-Unverträglichkeit erfahrt ihr im nächsten Blog. Ihr dürft gespannt sein.

 

[1] Der Calprotectinwert liegt bei gesunden Erwachsenen < 50 mg/kg. Bei Kindern, gerade bei Neugeborenen, liegt er im Schnitt zwischen 150-278 mg/kg – ohne, dass man sich Sorgen machen müsste. 350 mg/kg ist aber über der Norm und im Bereich des deutlich Erhöhten.