Lennys Geburt – unser kleines Wunder

Ich bin 31 Jahre jung und mit meinem ersten Kind schwanger. Es ist ein Wunschkind und wir wollen uns überraschen lassen, was wir bekommen. Mein Mann Nicki und ich sind überglücklich, dass die Schwangerschaft so unkompliziert verläuft. Da der Frauenarzt vermutet, dass unser Baby ziemlich zart und klein ist, werden wir neben einer ausführlichen Feindiagnostik beim Spezialisten auch ins Krankenhaus zu einem vorgeburtlichen Gespräch überwiesen.       
Vormittags beim Check im Krankenhaus ist soweit alles im grünen Bereich. Unser Baby ist aktiv und fidel und wird weiterhin als sehr klein und leicht eingeschätzt, weshalb wir den geplanten ET nicht überschreiten sollen.

Als wir an dem Tag nach Hause fahren, geht es uns sehr gut. Wir sind froh, dass es unserem Baby gut geht. Es wird alles so kommen, wie es soll. Ich bin tiefenentspannt und genieße meinen Kaffee in der ersten Frühlingssonne an diesem Tag. Sie ist noch kühl, aber unbeschreiblich schön zu spüren.

An diesem Nachmittag löst sich mein Schleimpfropf, der leicht blutig ist – ein Vorbote auf die anstehende Geburt wie ich durch ein Telefonat mit meinem Frauenarzt und meiner Hebamme erfahre. Außerdem verspüre ich ein leichtes Ziehen im Unterleib, so als ob ich meine Tage kriege. Das Köpfchen meines Babys ist schon seit Wochen fest im Becken und ich werde ein bisschen aufgeregt bei dem Gedanken, dass es jederzeit losgehen könnte.

Nach dem Abendessen kuschle ich mich mit einem warmen Kirschkernkissen aufs Sofa, weil das Ziehen im Unterleib stärker wird und unser Baby, wie immer um diese Uhrzeit, seine Strampelsession einlegt. Gemütlich lehne ich mich ins Stillkissen, meinem treuesten und besten Begleiter in der Schwangerschaft. Und plötzlich fühle ich ein unhörbares „Plopp“: meine Fruchtblase platzt schwallartig. Es ist 19.15 Uhr. Nicki und ich schauen uns völlig verdattert und aufgeregt an. Jetzt hat unser Baby also wirklich den Startschuss für die Geburt gegeben. Es scheint so entsetzt über seine Handlung zu sein, dass es wie versteinert in meinem Bauch liegt und sich nur noch ganz wenig bewegt. Inzwischen liege ich in einer feuchten Lache aus Fruchtwasser und das Ziehen im Unterleib ist verschwunden. Eigentlich fühlt es sich gut an: keine Schmerzen, kein Druck. Und zugleich ist es so unbeschreiblich seltsam, weil ich den Fluss des Fruchtwassers nicht aufhalten kann. Nicki ist mittlerweile aufgesprungen und steht mit einer Rolle Zewa vor mir. Er betupft das Sofa und hilft mir hoch.

Bevor wir losfahren, möchte ich mich kurz duschen und Nicki hilft mir aus der Hose. Sie sieht aus, als käme sie direkt aus der Waschmaschine. Ein Gefühlsmischmasch aus Aufregung auf das Ungewisse, Vorfreude auf unser Baby, Tiefenentspannung und der Sicherheit, dass alles gut gehen wird, erfüllen mich plötzlich. Um 21 Uhr sind wir im Krankenhaus in Ludwigsburg, das zweite Mal an diesem Tag. Wir erklären die Situation, ich werde ans CTG angeschlossen und untersucht. Es ist alles ruhig, unserem Baby geht’s gut und mein Körper produziert noch keine Wehen. Im Kreißsaal ist es ruhig, nur eine gebärende Mami.

Die Ärzte erklären, dass ich nun im Klinikum bleiben muss. Sollte mein Körper bis zum nächsten Morgen um 7 Uhr keine Wehen oder anderweitige Geburtsanzeichen produzieren, so muss die Geburt eingeleitet werden, um das Infektionsrisiko für unser Baby so gering wie möglich zu halten. Nicki kann leider nicht im Krankenhaus übernachten, er darf aber noch ein Weilchen bleiben. Die Ärzte empfehlen uns, die Nacht zu nutzen, um ausgeschlafen in die Geburt zu gehen. Leichter gesagt als getan. Wir haben beide so viel Adrenalin im Körper, dass an Schlaf nicht zu denken ist. Bis 23 Uhr laufen wir durch die Gänge und hoffen, dass sich etwas in meinem Körper tut. Aber Fehlanzeige – unser Baby hat sich anscheinend schlafen gelegt und den Rat der Ärzte befolgt. Um kurz nach 23 Uhr verabschieden Nicki und ich uns. Nicki verspricht sein Handy laut zu stellen und bei sich zu behalten. Ich verspreche sofort anzurufen, sobald es losgeht.

Ich bin in einem Dreibettzimmer, welches eigentlich ein Zweibettzimmer ist, untergebracht. An diesem Abend sind jedoch außergewöhnlich viele hochschwangere Frauen und frisch gebackene Mütter auf der Geburtsstation des Krankenhauses. Da ich immer noch nicht an Schlaf denken kann, packe ich gemütlich meine Tasche aus, richte mein Bett her, ziehe mich fürs Schlafen um und kuschle mich ins Stillkissen, welches natürlich mit auf die Reise kam. Ich beantworte einige Whatsapp-Nachrichten, bevor ich etwas einnicke.

Um kurz nach Mitternacht verspüre ich erste, leichte Rückenschmerzen, die vom Iliosakralgelenk ausgehen. Rückblickend würde ich vermuten, dass dies meine ersten leichten Wehen waren, in dem Moment im Krankenhaus wusste ich es jedoch nicht und döste weiter vor mich hin. Der erste richtige Schmerz, welchen in bewusst als Wehe wahrnehme, kommt um ein Uhr nachts und trifft mich scheinbar unangekündigt. Die Wehe beginnt wieder im Iliosakralgelenk, zieht sich dann nach vorn in den Bauchbereich, danach hoch, dass es mir fast den Atem nimmt und ebbt auf gleichem Wege wieder ab. Ich konzentriere mich auf die Atmung, die ich im Geburtsvorbereitungskurs bei Maike gelernt habe und informiere Nicki, dass ich vermutlich meine erste Wehe hatte. Wir vereinbaren, dass ich schon mal in den Kreißsaal vorlaufe und Nicki nachkommt. Auf dem Weg dorthin ereilen mich einige Wehen, die mir fast den Atem nehmen und ich bin froh, als ich heil im Kreißsaal ankomme.

Im Kreißsaal geht es zu wie im Lazarett. Es ist alles voll mit gebärenden Frauen, die stöhnen, schreien, wimmern, weinen - und ich mittendrin. In dieser Nacht haben besonders viele Babys auf einmal beschlossen auf die Welt zu kommen, wie wir später in einem Zeitungsartikel lesen sollten. In Ludwigsburg sind zu dieser Zeit alle Kreißsäle belegt, zudem alle CTG-Räume, auch die Untersuchungszimmer sind voll. Im Wartebereich bieten sich mir der Empfangstresen und ein Stuhl an. Beide hatten eine angenehme Höhe für mich, um meine Wehen aushalten zu können bis Nicki kommt. Und trotzdem komme ich mir in dieser besonderen Situation plötzlich so unendlich allein vor. Ich beginne leise zu weinen, gleichzeitig möchte ich tapfer sein – aber die Wehen kosten mich mehr Kraft als der Wille nicht zu weinen.

Als Nicki endlich kommt, entspanne ich mich urplötzlich. Jetzt wird alles gut, ich weiß es. Um meiner größten Angst Herr zu werden, nämlich während der Geburt Pipi und/oder Kacka zu müssen, verschwinde ich nochmal auf die Toilette. Mittlerweile kommt eine Wehe nach der nächsten, ich schaffe es nur noch mit Unterstützung zu Nicki zurück. Zum Glück wird ein CTG-Raum gerade frei und wir dürfen rein. Ich werde ans CTG angeschlossen und der Wehenschreiber beginnt sofort auszuschlagen. Die untersuchende Hebamme tastet nach meinem Muttermund und meint: „Wir sind bei vier Zentimetern. Sie machen das super, Frau Kaulitz! Bei Erstgebärenden braucht es aber immer etwas länger, deswegen lasse ich Sie kurz allein. Immer dran denken: zwischen den Wehen schön atmen.“ Und an Nicki gewandt: „Unterstützen Sie Ihre Frau, wie sie es braucht. Sie schaffen das! Wenn was ist, drücken Sie hier den Knopf.“

Wie lange wir im CTG-Raum saßen, weiß ich nicht mehr. Relativ schnell kommen die Wehen in immer kürzeren Abständen. Von meiner tapferen Atmung ist wenig übrig geblieben, ich ächzte und stöhne mittlerweile bei den Wehen. Wenn sich die Wehe ankündigt, hänge ich mich an Nicki, dann ist sie gut aushaltbar. Zwischen den Wehen versuche ich bei Bewusstsein zu bleiben und mich zu konzentrieren. Ganz plötzlich beginne ich zu pressen. Ich mache es nicht bewusst, es passiert einfach automatisch. In diesem Moment weiß ich, dass nicht mehr viel Zeit bleibt, um in den Kreißsaal zu wechseln. „Nicki, ich bekomme gleich unser Kind.“ Pause. „Egal, wo. Auch hier ist okay.“ Pause. „Aber rufe eine Hebamme. Jetzt!“ Nicki drückt den Knopf und als sich nach weiteren zwei Wehen keine Hebamme blicken lässt, lässt er mich kurz allein um persönlich eine Hebamme zu holen. Zuerst ist die anwesende Hebamme entspannt, da ich eine Erstgebärende bin und es bei denen meistens länger braucht. Sie tastet nach dem Muttermund ruft kurz danach in den Gang „Der nächste Kreißsaal gehört Frau Kaulitz! Und bringen Sie Tücher und alles für die Geburt falls wir es nicht mehr rüber schaffen!“ Zu mir sagt sie „Frau Kaulitz, pressen Sie weiter! Sie machen das toll. Schon 8 Zentimeter.“ Es folgen noch einige beruhigende und aufbauende Worte. Ich verschwinde aber schon wieder in meiner kleinen raum- und zeitlosen Deliriums-Geburts-Welt, weil ich weiß, dass Nicki alles managt und die Hebamme nun da ist. Kurz darauf darf ich in den Kreißsaal rüberlaufen – oder nennen wir es watscheln. Ich bin unten schon komplett nackt und den Kopf unseres Babys sitzt so tief, dass ich die Beine nicht mehr zusammen bekomme, geschweige denn normal laufen kann. Die Hebamme umhüllt mich mit einem Handtuch, mein Ziel ist es von Tür zu Tür zu kommen ohne die Wehe im Gang zu erleben. Das schaffe ich auch.         
Im Kreißsaal geht dann alles ziemlich schnell. Die Wehen kommen nun gefühlt ohne Pause. Der Vierfüßlerstand, den ich ausgesucht habe, klappt nicht recht und die Hebamme kommandiert mich mit klaren Ansagen in eine neue Position: ich sitze in einer sehr tiefen breiten Hocke, so dass mein Po fast den Boden des verstellbaren Gebärstuhls berührt. Mein Rücken lehnt am Stuhl an, Nicki sitzt dahinter und stützt mich mit seinen Armen. Das Gefühl nun ist total intensiv. Im Becken habe ich einen enormen Druck, meine Vagina steht so stark unter Spannung, dass es brennt und zugleich drückt – und ich habe den gigantischen Willen, unser Baby nun auf die Welt zu bringen. Ich schreie und presse, es geht um alles für mich. Ich presse so doll ich kann, aber da ist ein Widerstand. Die Hebamme akkupunktiert meinen Damm, damit er nicht reißt. Ein paar Wehen lang geht das so, und dann ist der Widerstand ganz plötzlich weg. Nickis Beschreibung zufolge flutscht unser Baby wie ein kleiner Seehund mit Schwung aus mir raus. Es ist 3:49 Uhr.

Unser Baby wird mir auf die Brust gelegt. Wir haben am Valentinsmorgen einen kleinen Sohn bekommen, 2600g schwer und 49cm klein. Als sich unsere Blicke treffen, bin ich der glücklichste Mensch der Erde und sofort unendlich verliebt. Nicki schneidet die Nabelschnur durch und Lenny drückt sich noch ein wenig höher bis er unter meinem Kinn liegt und zufrieden seufzt.     
Nicki und ich schauen uns an und genießen dieses unbeschreibliche Glück. Dieser Moment, auf den wir Monate lang gewartet haben, ist nun da und fühlt sich doch vollkommen unwirklich an. Wir können es beide noch gar nicht richtig glauben. Die ersten gemeinsamen Stunden erleben wir wie auf Wolken.