Mein schwerer Start ins Mamaglück

Als ich an Neujahr 2017 den positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielt, wäre ich vor Freude und Glück fast geplatzt. Nach einer wahren Traumschwangerschaft und -geburt hätte ich nicht eine Sekunde daran gezweifelt, dass alles so schön einfach und entspannt weiterlaufen würde, wie in den letzten 9 Monaten. Was in den nächsten Wochen folgte, war jedoch ziemlich weit weg von dem, was ich erwartet hatte. Um es vorwegzunehmen: entweder hatte ich eine Wochenbettdepression oder ich bin zumindest haarscharf an einer vorbeigeschrammt.

 

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, was ich damals gefühlt hatte, als ich mit unserer frisch entbundenen Tochter auf der Brust im Kreißsaal lag: ich war voller Energie, fühlte mich unbeschreiblich stark und war mächtig stolz. Und in erster Linie war ich froh und dankbar, dass unser Kind offensichtlich gesund und wohlauf war. Dass ich bei ihrem Anblick nicht gleich, von Mutterliebe überrollt, Tränen der Rührung vergoss, wunderte mich nicht weiter. Ich weiß noch, dass die Hebamme mir zum Abschied tief in die Augen sah und mir „ein schönes Wochenbett“ wünschte. Damals kam mir das ein bisschen seltsam vor, aber im Nachhinein weiß ich, dass das wohl der beste Wunsch ist, den man für die erste Zeit mit auf den Weg bekommen kann.

 

Die ersten Tage im Krankenhaus und zuhause waren sehr schön, die Kleine war entspannt und das Stillen klappte wunderbar. Ich war einfach mit mir und der Welt zufrieden und wartete darauf, dass das Band zwischen dem Baby und mir enger würde und die Muttergefühle einsetzten.

Etwa eine Woche nach der Geburt brach dann der Babyblues mit voller Wucht über mich herein. Aus heiterem Himmel fing ich an zu weinen und fühlte mich plötzlich mit der neuen Situation total überfordert. Hinzu kam die Info, dass unser Kind eine Krankheit hat, deren Auswirkungen wir damals noch nicht einschätzen konnten. Und plötzlich war nichts mehr, wie es war. Ich fühlte mich sämtlicher Instinkte beraubt und hatte das Gefühl, alles falsch zu machen. Vor allem fühlte ich mich, als wäre ich die schlechteste Mutter der Welt. Anstelle von „Liebe“ fühlte ich in erster Linie „Verpflichtung“, wenn ich sie ansah. Ich versorgte sie, aber fühlte kein Glück dabei. Tatsächlich fällt es mir schwer in Worte zu fassen, was ich damals empfunden habe. Auf jeden Fall hatte das nichts mit dem zu tun, was ich mir vorgestellt und gewünscht hatte. Auf einmal waren da so viele Sorgen, so viel Verantwortung und so viel unerklärlicher Kummer. Ich vermisste mein altes Leben und fand keinen Zugang - weder zu meinem Kind noch zu meiner neuen Rolle als Mutter. Aufgrund der Krankheit habe ich von einem auf den anderen Tag erst aufgehört und dann wieder angefangen zu stillen und ihr könnt euch vorstellen, wie gut das in dieser seelischen Verfassung geklappt hat - nämlich gar nicht. Mein Tag war geprägt von abpumpen, anlegen und abwarten, bis das Kind wieder anfängt zu weinen. Ich habe tatsächlich geglaubt, dass mein Baby mich anschreit, weil es mich hasst und ich alles falsch mache. Und ich dachte, dass ich die einzige und erste Mutter bin, der es so geht. Zwischendurch hatte ich auch mal ein paar „lichte Momente“ in denen mir klar war, dass das Quatsch ist und ich zur Abwechslung einfach auch mal positiv denken sollte. Aber es gelang mir einfach nicht, mich zusammenzureißen. Stattdessen ließ ich mich jeden Tag tiefer in einen Strudel aus Selbstmitleid und Verzweiflung hineinziehen. Immer wieder versuchte ich, meinem eigenen Anspruch - dass ich das alles wie in der Schwangerschaft mit links wuppen würde - gerecht zu werden und scheiterte daran kläglich.

Mein Mann wusste bald nicht mehr, wie er mir helfen sollte. Alles gut gemeinte Zureden prallte an mir ab und erreichte zwar meine Ohren, aber nicht mein Herz. Zum Glück kam Maike jeden Tag und sah schnell, dass etwas nicht stimmte. Sie gab mir die Kontaktdaten einer Kinderpsychologin, bei der ich angesichts meiner Situation zum Glück auch schnell einen Termin bekam. Rückblickend betrachtet konnte sie mir zwar nicht wirklich helfen, aber der erste Schritt war gemacht: Ich gestand mir ein, dass es da ein Problem gab, dass ich alleine nicht lösen konnte und legte die Scham ab, mir helfen zu lassen. Später habe ich lange darüber nachgedacht, was genau mir damals geholfen hat, aus meinem Loch wieder herauszukommen und ehrlich gesagt kann ich das gar nicht wirklich beantworten. Es waren wahrscheinlich viele kleine Dinge: ich ging jeden Tag lang und ausgiebig an die frische Luft. Dann fing ich an, mich mit anderen Müttern zu treffen. Ich glaube, es tat mir nicht gut, dass ich so lange mit meinem Baby allein zuhause war. Ich sprach offen, ehrlich und vor allem viel über meine Gefühle und meine Unsicherheit und erfuhr, dass es den meisten anderen frisch gebackenen Mamis ebenso ging. Dabei bekam ich teilweise echt lustige Geschichten zu hören und Schritt für Schritt kehrte ganz allmählich eine gewisse Leichtigkeit zurück. Als meine Kleine dann nach und nach anfing, nicht mehr nur durch Schreien zu kommunizieren, fiel mir auch der Umgang mit ihr immer leichter und spätestens mit dem ersten herzhaften Lachen war es gänzlich um mich geschehen.

 

Beim Schreiben dieses Textes wurde mir nochmal schmerzlich bewusst, dass ich viel von der wertvollen ersten Zeit mit meiner Tochter verschenkt habe. Und dass ich davon ein schlechtes Gewissen bekomme, zeigt mir, dass ich mit der Aufarbeitung noch immer nicht ganz fertig bin. Gleichzeitig kann ich mir heute gar nicht mehr vorstellen, dass ich damals so gefühlt habe. Aber ich weiß noch, dass es wirklich sehr schlimm war, nicht nur für mich, sondern auch für meine Angehörigen, die mir in dem Moment nicht helfen konnten. Als ich wieder schwanger war, hatte ich furchtbare Angst, dass sich das ganze Drama wiederholt. Ganz im Gegenteil hatte ich jedoch mit meiner zweiten Tochter ein wunderbares Wochenbett, wofür ich sehr dankbar bin. Ich weiß auch bis heute nicht, warum es damals ausgerechnet mich getroffen hat. Aus dem Geburtsvorbereitungskurs kannte ich zwar die Begriffe „Baby Blues“, „Heultage“ oder „Wochenbettdepression“, aber insgeheim dachte ich, das betrifft vielleicht eher Frauen, die grundsätzlich psychisch ein wenig labil sind. Heute weiß ich, dass es wirklich jeden unvorhergesehen treffen kann und die Gründe dafür - sofern es denn wirklich welche gibt - sehr vielschichtig und individuell sein können. Ich habe ein Gefühl dafür bekommen, wie machtlos man sich in einer solchen Situation fühlt, aber ich weiß auch, dass man so eine schwierige Zeit überwinden kann.

 

Heute ist meine Tochter zweieinhalb Jahre alt und wenn ich sie ansehe, hüpft mein Mama-Herz vor Freude. Ich liebe sie und ihre Schwester abgöttisch - genauso, wie ich mir das mit der Mutterliebe vorgestellt habe. Ich habe nur ein wenig länger darauf warten müssen ;)