Der Stillstreik

Bitte was? Verdi streikt, auch die IG Metall streikt, deutschlandweit rufen Gewerkschaften zum Streik auf, gehen auf die Straße, führen Verhandlungsgespräche – das ist allen bekannt. Diese Gewerkschaften streiken für faire Gehälter, für bessere Arbeitsbedingungen, für die Rechte der Arbeitnehmer. Aber ein Stillstreik? Können Babys wirklich in den Stillstreik gehen? Wie du die Anzeichen erkennst, was dir dein Baby damit sagen möchte und was du in der Situation tun kannst, möchte ich dir in diesem Blog erklären, liebe Mami.

Den Stillstreik gibt es tatsächlich. Andere verwendete Begriffe sind „Brustschimpfphase“, „Brustschreiphase“ oder schlicht „Brustverweigerung“. Liebe Mami, vielleicht kommt dir das bekannt vor? Kaum sind dein Baby und du ein Dream-Team in puncto Stillen, klappt es auf einmal nicht mehr. Natürlich bist du verunsichert, kannst vielleicht keinen klaren Gedanken fassen, weil du dir solche Sorgen um das plötzlich veränderte Verhalten deines Babys machst – das ist völlig verständlich. Aber oft liegt die Ursache nicht an dir, auch nicht direkt an deinem Baby – sondern vielmehr an der Entwicklungsphase in der es sich gerade befindet. Dein Baby nimmt in dieser Zeit seine Umwelt viel deutlicher wahr, nimmt mehr Eindrücke aus der Umgebung auf und muss diese verarbeiten. (Sieh dir dazu auch diesen Blog an, um mehr Infos dazu zu bekommen – LINK) Diese Veränderung tritt meistens um den 3. bis 4. Lebensmonat auf, kann aber auch im Alter von drei bis neun Monaten sichtbar werden.

Wie erkennst du einen Stillstreik? Vom sogenannten Stillstreik sprechen Fachleute, also Hebammen oder Ärzte, wenn Säuglinge, die davor regelmäßig und voll gestillt wurden, plötzlich nicht mehr an die Brust wollen. Viele Mamis berichten von ähnlichen Verhaltensweisen des Babys: grundloses Anschreien der Brust, erschwertes Anlegen beim Versuch zu Stillen bis hin zu Stillen nicht möglich, das Baby überstreckt sich, es ist sichtlich unzufrieden und weint. Ganz typisch ist auch, dass diese Probleme häufig tagsüber auftreten und nachts gar keine Probleme vorhanden sind.

Das lässt darauf schließen, dass dein Baby tagsüber durch die gesteigerte Wahrnehmung der Eindrücke (zu) viele Reize von außen bekommt und somit von seiner Stillmahlzeit abgelenkt wird. Nachts ist eine deutlich reizärmere Umgebung gegeben. Oft holen die Babys nachts die tagsüber verpasste Milchmenge nach, d.h. sie wachen fast stündlich auf, um zu trinken und wollen an die Brust.

Woran kann es liegen, dass dein Baby in den Stillstreik geht? Die Ursachen für einen Stillstreik sind nicht immer eindeutig und oft sind sie vielfältig. Manchmal hilft es schon, wenn du tagsüber mit deinem Baby in einen ruhigen Raum mit gedämpfter Beleuchtung gehst. Ganz wichtig, kein Handy, kein Radio, kein Fernseher, keine Geschwisterkinder – einfach keine Ablenkungsquellen. Genießt den Stillvorgang und die Bindung, die ihr beide gerade habt. Lenke die Aufmerksamkeit deines Babys auf dich und die Brust, z.B. mithilfe einer Stillkette. Baue Blickkontakt und Nähe zu deinem Kind auf. Gerade nachts, wenn alle Störfaktoren ausgeschaltet oder minimiert sind, klappt das Stillen trotz Stillstreik recht gut.

Achte auch auf die frühen Hungersingale, die dir dein Baby sendet. Hungerzeichen können z.B. Zunge herausstrecken, Lecken an den Lippen, Saugen an der Hand/ Faust, Sauggeräusche oder Hin- und Herwerfen des Köpfchens (Suche nach der Brust) sein.

Die Ursache kann eine Reizüberflutung sein, es können aber auch innere und/oder äußere Einflüsse eine Rolle spielen.
Innere Einflüsse sind von außen nicht aktiv zu beeinflussen. Sie betreffen entweder dein Baby, z.B. erste Zähnchen oder Erkältung mit verstopfter Nase – oder dich selbst, z.B. Schmerzen in der Brust beim Stillen, erste Symptome eines Milchstaus (Fieber, Brustschmerzen) oder eine Erkältung.           
Äußere Einflüsse sind alle Faktoren, die um euch herum sind und die ihr aktiv beeinflussen könnt, z.B. neuer Geruch (Parfüm, Seife, Waschmittel), der das Baby verwirrt; Stresssituationen; veränderte Stillumgebung (wegen Umzug, Besuch oder Urlaub); viele Besucher oder längere Trennungsphasen von deinem Baby und dir.

Was kannst du tun, wenn…

du das Gefühl hast, zu wenig Milch zu haben? Überprüfe zuerst einmal die nassen Windeln deines Babys. Es kann natürlich nur sein, dass du einfach einen verzögerten Milchspendereflex (Hypogalaktie) hast. Du bemerkst diesen, wenn dein Baby z.B. sehr lange nuckeln muss, bis endlich mal die großen, tiefen Trinkzüge einsetzen. Das führt bei manchen Babys zu großem Frust. Unterstütze dein Baby, indem du vor dem Anlegen eine sanfte Brustmassage durchführst, um die Milchproduktion und den Spendereflex anzuregen. Es kann auch helfen, vor dem Anlegen mit Wärme zu arbeiten (z.B. einen warmen Waschlappen auf die Brust legen).

du denkst, du hast zu viel Milch? Es gibt Mütter, die einen stark ausgeprägten und schnell einsetzenden Milchspendereflex (Hypergalaktie) haben. In diesen Fällen sprudelt die Milch nur so heraus und dein Baby hat Schwierigkeiten beim Atmen, Saugen und Schlucken. Das führt bei manchen Kindern zu einer großen Frustration. Ein Anzeichen für die Hypergalaktie könnte z.B. sein, dass sich dein Baby beim Trinken ständig verschluckt. Versuche, dein Kind in der aufrechten Position anzulegen oder lehne dich sogar leicht nach hinten beim Stillen. In manchen Fällen hilft es auch, wenn du vor dem Anlegen die Brust sanft ausstreichst, damit dein Baby keinen Schwall Milch abbekommt, sobald es andockt.

du meinst, dass dein Baby keinen Appetit auf deine Milch hat oder den Weg nicht findet? Versuche einfach mal, ein paar Tropfen Muttermilch auf der Brustwarze zu verteilen, um deinem Baby den Weg zu zeigen. Allein der Geruch regt bei vielen Babys den natürlichen Saugreflex an. Die Tropfen wirken dann quasi wie ein Appetizer – und das mögen wir Erwachsene ja auch sehr gerne.

Wichtig bei all deiner Unsicherheit ist, dass du trotz allem zuversichtlich und geduldig bleibst. Für dein Baby ist diese Phase nicht einfach, genau wie für dich. Ihr sitzt also im selben Boot, auch wenn es sich für dich vielleicht oft nicht so anfühlt in der Situation.

Bedeutet ein Stillstreik das Ende der Stillbeziehung? Viele Mamas befürchten, dass ein Stillstreik der Abschied von der Stillzeit bedeutet. Aber das ist bei einem Großteil der Kinder nicht der Fall. Du als Mama machst alles richtig, es liegt nicht an dir. Diese Phase ist anstrengend und nervenaufreibend, ja. Sie geht aber auch wieder vorbei, manchmal genauso schnell wie sie begonnen hat. Versuche positiv zu denken: dein Baby erkundet seine Umwelt ganz neugierig. Freue dich mit ihm über sein neues Interesse. Und denke daran: keine Phase, auch dieser Streik, dauert ewig! Gemeinsam könnt ihr es schaffen und zu eurer guten Stillbeziehung zurück finden.

Und ganz wichtig, liebe Mami ist, dass du bitte nicht aufgibst. Ein Baby im Stillstreik braucht jetzt ganz viel Zuwendung und Liebe, deine Einfühlsamkeit, Geborgenheit und Körpernähe. Kuschelt ausgiebig! Biete deinem Kind regelmäßig die Brust an; Zufüttern oder ein vorzeitiger Start mit Beikost sind nicht immer die Lösung. Wenn du Fragen hast, verunsichert bist oder nicht mehr weiter weißt, hole dir Hilfe und Unterstützung. Eine Stillberatung mit Tipps in der nervenaufreibenden Phase, ein ausführliches Gespräch mit deiner Nachsorgehebamme oder ein Termin beim Kinderarzt (um andere Ursachen auszuschließen) können oft wahre Wunder wirken. Beziehe auch deinen Partner und deine Familie mit ein. Sie können dir die notwendige seelische Unterstützung geben und dich im Alltag entlasten.

Ich drücke dir die Daumen, dass ihr den Stillstreik bald überwunden habt und in ein paar Tagen darüber nur noch den Kopf schütteln könnt!