Die neuen Leitlinien der Geburtshilfe – Der Kaiserschnitt (Teil 2)

In Teil 1 der neuen Leitlinien der Geburtshilfe zum Thema Kaiserschnitt ging es hauptsächlich um Statistiken und wissenschaftliche Klassifikationen. In Teil 2 schauen wir nochmal kritisch auf die teils fehlenden Elemente, die der Leitlinie sehr gut getan hätten. Auch der Aspekt, ob eine Sectio wirklich routinemäßig durchgeführt werden muss/kann/darf, wird genauer betrachtet.

Beckenendlage? Frühgeburt? Herpesläson? Wann ist ein Kaiserschnitt angezeigt, und wann nicht. Oftmals ist die Beantwortung der Frage abhängig vom Zeitpunkt und dem Standort - nicht unbedingt von der Position des Babys im Mutterleib. Obwohl das vielen Frauen suggeriert wird und die Leitlinie dazu leider keine klare Stellung bezieht, stellen sich einige Ärzte klar hinter die Aussage, dass eine routinemäßige Sectio nicht der passende Weg für die Zukunft ist. Was heißt das nun für dich, liebe Mami?

Zu allererst bedeutet es, dass du ein Recht darauf hast, dich schlau zu lesen und du nicht allen Standards blindlings vertrauen solltest ohne sie zu hinterfragen. Informiere dich, stelle viele Fragen, gehe in die Diskussion mit den Ärzten über deine Möglichkeiten. Denn nur ganz selten gibt es eine einzige Möglichkeit ohne weiteren Ausweg.

Ein weiteres wichtiges Thema ist die Antibiotikaprophylaxe. Die große Frage, die heiß diskutiert wird, ist: wird das Medikament vor oder nach dem Kaiserschnitt bzw. der Abnabelung verabreicht? Lange Zeit hieß es, dass das Antibiotikum vor der Sectio gegeben werden sollte und somit auch vor der Abnabelung. Neueste Erkenntnisse empfehlen nun aber genau das Gegenteil. Erst nachdem die Nabelschnur durchtrennt wurde, sollte das Antibiotikum der Mutter gegeben werden. Durch die spätere Verabreichung sind die Auswirkungen auf das Neugeborene nicht so hoch, bspw. wirkt sich die spätere Gabe positiv auf die Entwicklung der kindlichen Darmflora aus und das Neugeborene wird durch die Medikamentengabe nicht belastet. Für die Mutter hingegen ergab sich hinsichtlich eines Infektionsrisikos kein signifikanter Unterschied betreffend den Zeitpunkt der Antibiotikagabe.

Routinemäßige Sectio?

In der Beckenendlage ist nicht immer eine routinemäßige Sectio das Beste, ja sogar das Gegenteil ist häufig der Fall. Ganz oft wird nämlich als erstes Mittel der Wahl die Spontangeburt im Vierfüßlerstand bei Beckenendlage gesehen. Leider wird es den Frauen aber oft anders verkauft. In der Leitlinie findet man keine klare Aussage dazu, vielmehr der Hinweis, dass beide Geburtsmodi (also Kaiserschnitt und Spontangeburt) gleichwertig zu behandeln sind. Von den federführenden Autoren der Leitlinie weiß man aber, dass sie sich für oben genannte Spontangeburt seit Jahren mit großem Engagement einsetzen.

Mangels eindeutiger Datenlage kann zu folgenden Indikationen leider keine klare Empfehlung gegeben werdenPlazentainsuffizienz, unkomplizierte Zwillingsschwangerschaft mit vorangehendem Kind in Schädellage, Frühgeburt. Die Formulierung der Leitlinie „soll nicht routinemäßig angeboten werden“ lässt allerdings den Rückschluss zu, dass es auch bei diesen Indikationen eine Alternative zum Kaiserschnitt gibt. Sie lässt allerdings offen, welche.

Falls dir gesagt wurde, dass dein Baby eine fetomaternale Disproportion (der kindliche Kopf ist zu groß für das mütterliche Becken ) im Vergleich zu deinem Becken hat, möchte ich dich auch beruhigen. In den Leitlinien wird diese Passage leider sehr unverständlich dargestellt, dennoch gibt es einige Pionierinnen in der Geburtshilfe, die für ein neues Verständnis von der Variabilität des Beckenbodens werben. So sollen neben dem Beckenboden auch die Gebärposition sowie die Gebärbewegungen einen großen, nicht zu vernachlässigenden Anteil an einer erfolgreichen Geburt haben. Die Pionierinnen machen sich stark für planvolle Gebärbewegungen um Geburtsblockaden überwinden zu können. Sie wenden sich dadurch klar von der stigmatisierenden Diagnose „Disproportion“ als Alibi für eine Sectio ab.

Einige Ärzte widersprechen den Leitlinien in dem Punkt der Herpesläson klar. So erklären die Leitlinien deutlich, dass das Vorliegen einer HSV-Läson (Herpes-Simplex-Virus) eine eindeutige Indikation für einen Kaiserschnitt sei. Die Ärzte, welche dies kritisieren, unterscheiden zwischen dem Reifegrad des Neugeborenen und dem gegebenen Geburtsrisiko, welches sie je nach Situation bei einer Sectio deutlich erhöht sehen. Zudem fehlen sämtliche pathophysiologischen, infektiologischen und epidemiologischen Unterscheidungen zwischen HSV 1 und HSV 2 sowie zwischen Reif- und Frühgeburt sowie zwischen Primär- und Sekundärinfektion.

Der wichtige Abschnitt über den Zustand nach Sectio, also wenn du schon mal einen Kaiserschnitt hattest, wird leider nur unzureichend beschrieben. Gerade weil die Kaiserschnittzahlen immer mehr steigen und dadurch immer mehr Frauen eine Sectio hatten, ist es schwer nachvollziehbar, dass die Leitlinien dieses immens wichtige Thema einfach unter den Tisch kehren. Die entscheidende Frage, nämlich ob und wann ein erneuter Kaiserschnitt nach einer bereits vorhandenen Sectio geführt werden muss, bleibt weitestgehend offen und ohne klare Empfehlung.

Die fehlenden Elemente…

Ein dringend notwendiges Element wäre die klare Empfehlung und Aussage gewesen, dass auch nach zwei oder mehr Kaiserschnitten eine Spontangeburt möglich ist. Die Forderung, dass eine kontinuierliche CTG-Überwachung vor der gefürchteten Uterusruptur (Gebärmutterriss) schützt bzw. diese frühzeitig erkennen lässt, sollte mit einem großen Fragezeichen versehen werden. Auch die Empfehlung, dass Geburten bei Zustand nach Sectio nur in Einrichtungen stattfinden sollten, die einen Kaiserschnitt binnen kürzester Zeit durchführen können, richtet sich gegen die außerklinische Geburtshilfe. Und das, obwohl gerade dort die Risiken für eine Uterusruptur konsequent vermieden werden. Es hat den Anschein, als ob hier eine politische Tendenz mit reinspielt.

Förderlich wären Sätze gewesen wie

  • „Jeder Eingriff in die Geburtsdynamik bei Zustand nach Sectio bedarf einer strengsten Indikationsstellung.“ (Hebammenforum, 22. Jg. 0121, S. 46)
  • „Die Beckenendlage ist eine Formvariante der normalen Geburt. Geburtsmodus der Wahl ist in der Regel die Spontangeburt im Vierfüßlerstand.“ (Hebammenforum, 22. Jg. 0121, S. 46)
  • „Bei Zustand nach Sectio muss eine Periduralanästhesie möglichst vermieden werden – insbesondere bei Eingriffen in die Geburtsdynamik.“ (Hebammenforum, 22. Jg. 0121, S. 47)
  • „Außerklinische Geburten sind wegen der konsequenten Vermeidung disponierender Routinen nicht riskanter als klinische Geburten. Daher ist das Vorhalten der Notsectio-Bereitschaft auch bei diesen Geburten nicht notwendig.“ (Hebammenforum, 22. Jg. 0121, S. 47)

So oder ähnlich könnten die fehlenden Elemente lauten, die der neuen S3-Leitlinie bezüglich des Kaiserschnittes fehlen.

Kritik an der S3-Leitlinie

Die S3-Leitlinien arbeiten sehr wissenschaftlich und quantitativ mit der bestehenden Datenlage. Gerade die medizinischen Abschnitte zu Operationstechnik, Aspekten der Nachbetreuung und das Anästhesieverfahren sind beim Umgang mit OP´s und der dazugehörigen Beratung sehr gut.

Leider lassen die Leitlinien jedoch wichtige Bereiche der Geburtshilfe aus bzw. behandeln diese nur stiefmütterlich. Es sind Bereiche, die vermutlich für breite Diskussionen gesorgt hätten. Vielleicht sollte genau das vermieden werden, vielleicht aber auch nicht. Fakt ist, genau solche Diskussionen wären wichtig gewesen, um für die Rechte der Eltern einstehen, um die bestehenden Dinge aktiv hinterfragen und um für eine MEHR kämpfen zu können. Auch für mehr Klarheit und Sicherheit, hätte es eindeutigere Positionen in den Leitlinien geben müssen.

Wenn die Kaiserschnittrate weiter gesenkt werden soll, so braucht es anregende Visionen für die Geburtshilfe. Dazu braucht es wiederum klare Aussagen und kein um-den-heißen-Brei-Reden. Und für die klaren Aussagen braucht es wissenschaftliche Evidenzen (Beweise, aussagekräftige Datenlagen) und mutige Menschen, die voran gehen und diese benennen.

Wenn du Dir was Gutes tun möchtest, probiere doch mal das tolle Mama - Körperöl.